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Inhaltsstoffe verstehen: Ein Leitfaden zur Entschlüsselung von Hautpflegeprodukten

  • Autorenbild: Verbraucher Radar
    Verbraucher Radar
  • 7. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen


Die Inhaltsstoffliste kosmetischer Produkte liest sich oft wie ein Fremdwörterbuch. INCI-Bezeichnungen, chemische Namen und Marketing-Begriffe machen es schwer, die tatsächliche Zusammensetzung und Wirkung eines Produkts einzuschätzen. Dieser Artikel bietet einen Überblick über die wichtigsten Inhaltsstoffgruppen und erklärt, worauf es wirklich ankommt.


Das INCI-System: Der Schlüssel zum Verständnis


Die International Nomenclature of Cosmetic Ingredients, kurz INCI, ist das standardisierte System zur Benennung kosmetischer Inhaltsstoffe. In der Europäischen Union ist die Angabe der INCI-Bezeichnungen auf allen Kosmetikprodukten gesetzlich vorgeschrieben. Die Inhaltsstoffe werden in absteigender Reihenfolge ihrer Konzentration aufgelistet – der erstgenannte Inhaltsstoff ist also am höchsten konzentriert.


Diese Reihenfolge hat eine wichtige praktische Bedeutung: Sie zeigt, was tatsächlich in einem Produkt enthalten ist, jenseits der Marketingversprechen auf der Verpackung. Wenn ein Serum mit Retinol beworben wird, dieses aber erst an 15. Stelle der INCI-Liste auftaucht, ist die Konzentration wahrscheinlich so gering, dass keine nennenswerte Wirkung zu erwarten ist. Umgekehrt kann ein unscheinbar verpacktes Produkt mit einem gut dosierten Wirkstoff an prominenter Stelle effektiver sein.


Allerdings hat das System seine Grenzen. Bei Konzentrationen unter einem Prozent dürfen die Inhaltsstoffe in beliebiger Reihenfolge aufgelistet werden. Da die meisten aktiven Wirkstoffe in geringeren Konzentrationen eingesetzt werden, lässt sich aus der Position allein nicht immer auf die Wirksamkeit schließen. Zudem verrät die INCI-Liste nichts über die Qualität des Inhaltsstoffs, seine Stabilität oder die Formulierung, die seine Bioverfügbarkeit beeinflusst.


Die Sprache der INCI-Liste folgt bestimmten Konventionen. Pflanzliche Inhaltsstoffe werden mit ihrem lateinischen botanischen Namen angegeben, gefolgt von der englischen Bezeichnung des verwendeten Pflanzenteils. So steht Aloe Barbadensis Leaf Juice für Aloe-Vera-Blattsaft. Chemische Verbindungen werden mit ihrem chemischen oder pharmazeutischen Namen bezeichnet. Farbstoffe erhalten CI-Nummern (Colour Index), Duftstoffe können als Parfum zusammengefasst werden, müssen aber bestimmte allergene Duftstoffe einzeln ausweisen.


Die Basis: Wasser, Öle und Emulgatoren


Die ersten Positionen der Inhaltsstoffliste werden fast immer von den Grundbestandteilen eingenommen, die das Vehikel für die aktiven Wirkstoffe bilden. Aqua, also Wasser, führt die Liste der meisten Cremes, Lotionen und Seren an. Es dient als Lösungsmittel und Grundlage der Formulierung. Die Qualität des verwendeten Wassers – gereinigt, destilliert oder deionisiert – wird in der INCI-Liste nicht spezifiziert.

Öle und Fette, in der Kosmetik als Lipide bezeichnet, bilden den zweiten wichtigen Grundbestandteil. Sie können pflanzlichen Ursprungs sein wie Jojoba Oil, Squalane (häufig aus Oliven gewonnen) oder Argan Oil, aber auch synthetischen Ursprungs wie Isopropyl Palmitate oder Caprylic/Capric Triglyceride. Mineralöle wie Paraffinum Liquidum werden kontrovers diskutiert – sie sind dermatologisch unbedenklich und sehr gut verträglich, aber ihr Ursprung aus Erdöl macht sie für manche Verbraucher unattraktiv.


Emulgatoren ermöglichen die Verbindung von Wasser und Öl zu einer stabilen Emulsion. Ohne sie würden sich die Phasen sofort wieder trennen wie bei einem Salatdressing. Häufig verwendete Emulgatoren sind Glyceryl Stearate, Cetearyl Alcohol (kein trocknender Alkohol, sondern ein Fettsäureester) oder Polysorbat 60. Die Wahl des Emulgators beeinflusst die Textur des Produkts erheblich – ob es sich leicht oder reichhaltig anfühlt, schnell einzieht oder einen Film hinterlässt.


Diese Grundbestandteile sind oft weniger glamourös als die beworbenen Wirkstoffe, aber mindestens ebenso wichtig für die Qualität eines Produkts. Eine gut formulierte Basis fühlt sich angenehm an, zieht gut ein und irritiert die Haut nicht. Manche scheinbar einfachen Inhaltsstoffe haben zudem eigene pflegende Eigenschaften: Glycerin bindet Feuchtigkeit, Squalan stärkt die Hautbarriere, bestimmte Pflanzenöle liefern essentielle Fettsäuren.


Aktive Wirkstoffe: Wo die Wirkung stattfindet


Aktive Wirkstoffe sind die Inhaltsstoffe, die tatsächlich eine Veränderung der Haut bewirken sollen – im Gegensatz zu den Grundbestandteilen, die primär als Träger und Texturbildner dienen. Die wichtigsten Wirkstoffgruppen in der Anti-Aging-Pflege umfassen Retinoide, Vitamin C, Niacinamid, Peptide, Alpha-Hydroxysäuren (AHAs) und Beta-Hydroxysäuren (BHAs).


Retinol, Retinal (Retinaldehyd) und Hydroxypinacolon Retinoate sind verschiedene Formen von Vitamin A mit unterschiedlicher Potenz und Verträglichkeit. In der INCI-Liste erscheinen sie unter diesen Bezeichnungen. Verschreibungspflichtige Retinoide wie Tretinoin finden sich nicht in kosmetischen Produkten. Die Konzentration von Retinol in Kosmetika liegt typischerweise zwischen 0,1 und 1 Prozent – Angaben, die leider nicht in der INCI-Liste zu finden sind.


Vitamin C kann unter verschiedenen INCI-Bezeichnungen auftauchen: Ascorbic Acid für reine L-Ascorbinsäure, Sodium Ascorbyl Phosphate, Ascorbyl Glucoside oder Ascorbyl Tetraisopalmitate für stabilisierte Derivate. Die verschiedenen Formen unterscheiden sich erheblich in Stabilität, pH-Anforderungen und Penetrationsvermögen. Nicht jede Form von Vitamin C ist für jeden Hauttyp und jeden Zweck gleich geeignet.


Peptide erscheinen in der INCI-Liste oft mit komplexen Namen wie Palmitoyl Tripeptide-1, Acetyl Hexapeptide-8 oder Copper Tripeptide-1. Die Marketingnamen wie Matrixyl oder Argireline sind in der offiziellen Liste nicht zu finden. Da Peptide meist in sehr geringen Konzentrationen wirksam sind, stehen sie typischerweise weit hinten in der Inhaltsstoffliste – das ist bei dieser Wirkstoffgruppe normal und kein Zeichen mangelnder Wirksamkeit.


Konservierungsmittel: Notwendig, aber umstritten


Konservierungsmittel verhindern das Wachstum von Bakterien, Hefen und Schimmelpilzen in kosmetischen Produkten. Ohne sie wären wasserhaltige Cremes und Lotionen innerhalb weniger Tage mikrobiell verdorben und potenziell gesundheitsschädlich. Die Notwendigkeit einer wirksamen Konservierung ist unbestritten – die Frage ist nur, welche Konservierungsmittel verwendet werden.

Parabene (Methylparaben, Propylparaben und andere) gehörten lange zu den am häufigsten verwendeten Konservierungsmitteln. Sie sind hochwirksam, gut verträglich und kostengünstig. In den letzten Jahren sind sie jedoch in Verruf geraten, nachdem Studien eine schwache östrogene Wirkung zeigten. Die wissenschaftliche Bewertung durch Regulierungsbehörden stuft Parabene in den zugelassenen Konzentrationen als sicher ein, doch viele Verbraucher bevorzugen parabenfreie Produkte.


Alternativen wie Phenoxyethanol, Ethylhexylglycerin oder Benzisothiazolinone haben ihre eigenen Vor- und Nachteile. Phenoxyethanol ist weit verbreitet und gut verträglich, kann aber in hohen Konzentrationen sensibilisierend wirken. Methylisothiazolinone, einst als sanfte Alternative zu Parabenen beworben, hat sich als potentes Allergen erwiesen und ist in Leave-on-Produkten in der EU mittlerweile verboten.


Konservierungsmittelfreie Produkte sind möglich, erfordern aber spezielle Maßnahmen: Airless-Spender, die keinen Luftkontakt zulassen, wasserfreie Formulierungen oder sehr niedrige pH-Werte, die das mikrobielle Wachstum hemmen. Der Verzicht auf Konservierungsmittel ist nicht automatisch hautfreundlicher – ein kontaminiertes Produkt ist deutlich problematischer als ein gut konserviertes.


Duft- und Farbstoffe: Mehr als nur Kosmetik


Duftstoffe machen Produkte angenehm in der Anwendung und tragen wesentlich zum Nutzungserlebnis bei. In der INCI-Liste erscheinen sie als Parfum oder Fragrance – ein Sammelbegriff, der Hunderte von Einzelsubstanzen umfassen kann. Aus regulatorischer Sicht müssen jedoch 26 potenziell allergene Duftstoffe, darunter Limonene, Linalool, Citronellol und Geraniol, einzeln ausgewiesen werden, wenn sie bestimmte Schwellenwerte überschreiten.


Die Diskussion um Duftstoffe in Hautpflegeprodukten ist vielschichtig. Einerseits können synthetische und natürliche Duftstoffe Hautirritationen und allergische Reaktionen auslösen. Sensibilisierung gegen Duftstoffe ist eine der häufigsten Ursachen für Kontaktallergien. Andererseits bedeutet parfümfrei nicht zwangsläufig duftfrei – manche Rohstoffe haben einen Eigengeruch, der ohne Parfüm unangenehm sein kann. Und die psychologische Wirkung eines angenehmen Duftes sollte nicht unterschätzt werden: Wenn ein Produkt gut riecht, wird es eher regelmäßig angewendet.

Für Menschen mit empfindlicher Haut oder bekannten Duftstoff-Unverträglichkeiten ist die Wahl parfümfreier Produkte sinnvoll. Dabei sollte auf die tatsächliche INCI-Liste geachtet werden – Parfum Free bedeutet nicht immer, dass keinerlei Duftstoffe enthalten sind, manchmal werden nur zusätzliche Maskierungsmittel eingesetzt.


Farbstoffe, erkennbar an CI-Nummern (z. B. CI 77891 für Titandioxid, CI 19140 für Tartrazin), dienen in Pflegeprodukten rein ästhetischen Zwecken. Ihre Funktion ist es, dem Produkt eine ansprechende Farbe zu verleihen. Aus dermatologischer Sicht sind die meisten Farbstoffe unbedenklich, einige wenige können jedoch bei empfindlichen Personen Unverträglichkeiten auslösen.


Praktische Tipps zum Lesen von Inhaltsstofflisten

Das Verständnis von Inhaltsstofflisten erfordert etwas Übung, lohnt sich aber. Hier einige Orientierungspunkte: Achten Sie auf die ersten fünf Inhaltsstoffe, da diese den Hauptteil des Produkts ausmachen. Wenn ein beworbener Wirkstoff erst sehr weit hinten auftaucht, ist seine Konzentration wahrscheinlich marginal.


Lange Inhaltsstofflisten sind nicht per se schlecht. Komplexe Formulierungen können gut durchdacht sein und synergistische Effekte nutzen. Umgekehrt ist eine kurze Liste kein Qualitätsmerkmal – manche minimalistischen Produkte verzichten auf Wirkstoffe zugunsten einfacher Grundformulierungen.


Vorsicht vor Marketingbegriffen wie dermatologisch getestet, hypoallergen oder klinisch bewiesen. Diese Begriffe sind nicht geschützt und sagen wenig über die tatsächliche Wirksamkeit oder Verträglichkeit aus. Dermatologisch getestet bedeutet lediglich, dass ein Dermatologe das Produkt in irgendeiner Form untersucht hat – nicht, dass er es empfiehlt. Hypoallergen heißt nur, dass das Produkt nach Einschätzung des Herstellers weniger wahrscheinlich Allergien auslöst – eine Garantie ist das nicht.


Natürlich ist nicht automatisch besser, und synthetisch ist nicht automatisch schlechter. Viele natürliche Inhaltsstoffe sind potente Allergene (ätherische Öle, bestimmte Pflanzenextrakte), während manche synthetischen Substanzen exzellent verträglich sind (z. B. Squalan, das früher aus Hai-Leber gewonnen wurde und heute meist pflanzlich-synthetisch hergestellt wird). Die Unterscheidung natürlich versus synthetisch sagt nichts über Wirksamkeit oder Sicherheit aus.

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